Mögliche Wirklichkeit / Es braucht viel, damit ein Bauwerk dieser Art entstehen kann. Die Manifestation der neuen Landesgalerie Niederösterreich in Krems-Stein an der Donau beruht auf der kühnen Vision unbeirrbarer Architekten, einem zielstrebigen politischen Willen, gepaart mit dem orchestrierten Zusammenspiel von MusuemsexpertInnen, Handwerkern und Firmen und gewürzt mit einer Prise Aufruhr.

Unerschrocken im Geist / Krems – gebündelte Atmosphäre am breiten Strom der Donau, umgeben von sanften Rebhängen, gegliedert durch enge Gassen und wohlgeformte Plätze, genährt vom Klangraum der Minoritenkirche und den Museen der Kunstmeile, klingend durch das musikethnografische Glatt & Verkehrt, die Kakophonie der Touristenstimmen und das avantgardistische Donaufestival, geschmacklich changierend zwischen trockenem Federspiel und saftiger Marille … Zu diesen Eigenheiten entsteht unweit des Schifffahrtszentrums, zwei Kreisel weit entfernt, eine weitere Qualität vor Ort: der Neubau für die Landesgalerie Niederösterreich, ein kaum zu fassender Kraftakt der Baukunst. Wenn neue Möglichkeiten nichts Weiteres sind als die noch nicht geborenen Wirklichkeiten, dann haben Marte Marte sie mit dem Haus für die Landeskunst aufs Kühnste damit erweckt. Es braucht einen unerschrockenen Geist und eine gehörige Portion Mut, um so eine Form als Schlusspunkt der Kunstmeile zu denken oder gar zu planen.

Kimme und Korn / Gegenüber der von Adolf Krischanitz geplanten strengen Kunsthalle im ehemaligen Tabakwerk der Tabakregie und neben dem mimischen Karikaturmuseum von Gustav Peichl mit seinem verspielten Sägezahndach setzt der Solitär von Marte Marte ein unmissverständliches Zeichen für die Kunst und verbündet sich auf geradezu frappierende Weise mit dem Ort. Das Bauwerk, mehr Skulptur als Haus, entzieht sich in der Bewegung rund um das Objekt einer Einschätzung, wandelt seinen Ausdruck, seine Gestalt mit jedem Schritt, will auch nicht maßstäblich sein, sondern ist ganz und gar formgewordene Spannung der Kräfte. Fast ist man geneigt, die neu gedachte Form als einzigartig zu interpretieren: Durch die Torsion um die Achse der Nordwest-Ecke des Gebäudes entstehen lauter hyperparabolische Flächen. Die sich verbindenden Geraden zweier ungleicher Quadrate in Grund- und Dachebene formen spektakulär verzogene Flächen, kaum zu fassen für das menschliche Auge. Das Gebäude – oder besser die Skulptur – macht einen Twist um sich selbst, verjüngt sich nach oben und gibt über einen Einschnitt Richtung Donau den Blick frei auf das Benediktinerkloster Stift Göttweig, das am Ausläufer des Dunkelsteinerwaldes thront. Abgesehen von den vier verglasten Bögen im Erdgeschoss ist es diese Geste, die das Innere des Bauwerks unmittelbar mit dem Genius Loci verknüpft. So kommt einer der wichtigen Identifikationspunkte der Wachau zum Tragen, wird den Besuchern doch das geschichtsträchtige Kloster unmissverständlich in die Kimme gerückt. Denn ansonsten gibt sich das plastische Werk nach außen hin hermetisch. Der Schuppenpanzer aus matten Zink-Rhomben, die gerade Zug um Zug von oben nach unten angebracht werden, verwandelt den auf vier Punkten lagernden Betonriesen in eine Mischung aus Rittertorso und Gürteltier.

Betonierte Vision / Da ist sie wieder, die unumstößliche Wehrhaftigkeit der Marte-Marte-Bauten, die darauf abzuzielen scheint, den Wertekanon Einzelner oder der Gesellschaft mit einer gestischen, geschlossenen Form zu schützen. Was dieses Bauwerk jedoch von anderen Ansätzen des Vorarlberger Büros unterscheidet, ist die ihm zugrunde liegende Dynamik. Ihre Vision der Landesgalerie in Krems entspricht dem holografisch festgehaltenen Augenblick der verwegenen Drehung einer geometrischen Hülle um sich selbst. Was auf der einen Seite als fluchtende Fläche wahrgenommen wird, wird auf der anderen zur überhängenden Steilwand. Je nach Betrachtungswinkel verwinden sich die Flächen – die im Standbild eingefangene Bewegung wird erneut zum Leben erweckt. Aus Möglichkeitssinn wird Wirklichkeitssinn.

Im Bauch des Giganten / Das Innere lässt ebenso staunen. Was sich als vertikale Konstante in Form von zwei betonierten Erschließungstürmen durch die Stockwerke stanzt, ist Bezugsgröße, Orientierungshilfe und Escher’sche Stiegenanlage in einem. Zwei Fluchtstiegenhäuser vermählen sich zu einer Figur, bilden eine aufgedoppelte DNA-Helix und führen und verwirren zugleich. Im Zusammenspiel mit den kraftvollen Dehnungen der Außenwände eröffnet jedes Stockwerk einen anderen Zuschnitt. Es scheint, als ob die Räume von Nordosten nach Südwesten wanderten. Noch ist alles roh, die Innenwände werden gespachtelt, im Erdgeschoß wachsen raumbildende Wände in die Höhe. Viele Parameter sind noch offen, ich bin gespannt, wie die Kunst sich die Räume erobern wird und welche Anmutung das bekommt, was sich jetzt noch groß und unbändig anfühlt, so als würde ich den Bauch eines gigantischen Tieres durchschreiten … Marina Hämmerle

Possible Reality / It takes a lot to create a building of this kind. The materialization of the new State Gallery of Lower Austria in Krems/Stein an der Donau is based on the daring vision of the single-minded architects, a determined political will, the coordinated collaboration of museum experts, craftsmen, and companies, and a dash of revolt for good measure.

Undaunted in spirit / Krems – concentrated atmosphere on the broad Danube River, surrounded by gentle vineyards, criss-crossed by narrow lanes and attractive squares, and nourished by the soundscape of the Minorite church and the museums of the art mile (Kunstmeile), resounding to the ethnographic music of the Glatt & Verkehrt Festival, the cacophony of the tourists’ voices, and the avant-garde Danube Festival, and alternating tastes between Federspiel dry white wine and juicy apricots…. Not far from the shipping centre, just two roundabouts away, another characteristic feature of the town is arising: the new State Gallery of Lower Austria – an astounding tour de force of architecture. If new possibilities are nothing other than realities waiting to be discovered, then marte.marte has definitely found them in a bold and daring way with their new state art museum. It requires an undaunted spirit and a great deal of courage to conceive, let alone plan, such a structure as the culmination of the art mile.

Caught in the crosshairs / Vis-à-vis from the austere Kunsthalle, designed by Adolf Krischanitz and built in the former tobacco factory of the Austrian tobacco monopoly, and next to the mimic Caricature Museum by Gustav Peichl with its playful saw-tooth roof, the solitary building by marte.marte makes an unmistakable artistic statement and joins forces with its location in a striking way. The structure, more of a sculpture than a building, eludes the appreciation of the viewer in their movement around the construction, alters its expression and shape from step to step, and resists being drawn to scale, opting instead to be a concrete manifestation of the interplay of forces. One is tempted to view the novel form as being unique – the torsion around the axis of the northwest corner of the building generates a multitude of hyperparabolic surfaces and the connecting lines of the two unequal squares of the ground and roof floors create spectacularly contorted surfaces which are difficult for the human eye to comprehend. The building, or better yet the sculpture, twists around its vertical axis, tapers towards the top, and thanks to a carved-out incision in the roof, provides a clear view in the direction of the Danube of the Göttweig Benedictine monastery which towers over the foothills of the Dunkelsteinwald Region. Apart from the four glazed arches on the ground floor, it is this gesture which connects the interior of the building directly with the genius loci, thus allowing one of the most important landmarks of the Wachau Region to achieve its full effect, seeing as the historical monastery is caught directly between the crosshairs of the viewers. Otherwise, the malleable construction seems hermetic from the outside. The scale armour covering the building, composed of matte zinc rhombuses which must practically be attached piece by piece from top to bottom, transforms the “four-legged” concrete giant into an armadillo in knight’s armour.

A vision in concrete / There it is once again, the irrefutable fortified nature of marte.marte’s structures, which seem designed to defend the individual’s or society’s set of values with a gestural, enclosed construction. What sets this building apart from other projects of the Vorarlberg firm, however, is its underlying dynamic energy. Their vision of the art museum in Krems is like a holographic image of a geometric shell turning boldly around itself. What on the one side appears to be an aligned surface is on the other an overhanging steep face. Depending on the angle, the surfaces seem to twist – the motion captured in the still image is brought to life again by the motion of the viewer. A sense of possibility leads to a sense of reality.

In the belly of the giant / The interior of the building is also full of surprises. The two concrete towers that make their way through the floors and form the vertical constant of the building are a point of reference, an aid to orientation, and Escher-like stairs in one. Two fire escape staircases join to form one DNA helix, which lead and confuse viewers at one and the same time. In conjunction with the powerful contortions of the exterior walls, every floor has its own unique layout. It seems as if the exhibition halls move from northeast to southwest. Everything is still under construction: the rough surfaces inside are being filled and sanded, and room-forming walls are being erected on the ground floor. Many features have yet to be revealed, and I’m excited to see how art will conquer these interior spaces and what the look and feel will ultimately be of what currently feels huge and unrestrained, as if I were walking in the belly of some gigantic creature … Marina Hämmerle

Landesgalerie Niederösterreich
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