Feldkirch, die zweitgrößte Stadt Vorarlbergs, ist auf Grund der umliegenden Voralpenrücken ein topografisches Nadelöhr, ein Drehkreuz am Übergang zur benachbarten Schweiz und zu Liechtenstein. Hier kommen sich Ost-West- und Nord-Süd-Transit unweigerlich in die Quere. Der stetig zunehmende Transport- und Individualverkehr malträtiert den mittelalterlichen Altstadtkern und bricht dröhnende Schneisen ins flanierfreundliche Stadtgefüge. Verantwortliche von Stadt und Land sind sich einig, die stinkende Blechkarawane muss unter die Erde: Beim Stadttunnelprojekt wird die Metapher des Drehkreuzes zur konkreten Gestalt – was üblicherweise bremst und kontrolliert, wird zum kreuzförmig angelegten Verkehrsfluss, geregelt über eine Rotonde, entlüftet über ein Bauwerk auf dem Gelände des Tibetischen Klosters auf der Letze, unweit der Stupa. Die friedvolle Energie dieses Ortes möge ein Omen sein für eine wirksame Entlastung des städtischen Habitats auf der Talsohle. Bei der Planung der Tunnelanlage haben die Tiefbauingenieure ganze Arbeit geleistet. Sie ist derart unter das hügelige Gelände gelegt, dass die vier Ein- und Ausgänge an strategischen Punkten zu liegen kommen. Wie diese Schnittstellen an den Übergängen zum Stadt- und Landschaftsraum gestaltet sein könnten, wurde mit Marte Marte Architekten erarbeitet. In Abstimmung mit Tiefbauingenieuren und Verkehrsplanern entwarfen die Architekten ein Gestaltungskonzept, das die äußerst komplexen funktionellen Anforderungen auf verblüffende Weise in eine Form der Selbstverständlichkeit überführt. Für die Gestaltung dieser Portale wurden Marte Marte wohl deshalb herangezogen, weil sie es meisterhaft verstehen, mit der Topografie zu arbeiten oder ihr bewusst etwas entgegenzuhalten. In jedem Falle ist den Projektverantwortlichen Weitsichtigkeit anzurechnen, haben sie doch erkannt, dass es mehr braucht als ein funktional-technisches Bauwerk, nämlich eine semantische Geste, die versöhnt und verbindet. Die Antwort von Marte Marte: gefaltete Tektonik.
Die Einfahrten in den Berg sind keine kruden Schnittstellen, sondern kunstvoll gefaltete Betonskulpturen. Wie von origamikundiger Hand gefalzt, fassen sie den Straßenraum, entflechten die Verkehrsströme und verschmelzen seine Begrenzungen mit der Gesteinsformation. Die vier Portale reagieren im Kanon dieses Konzepts auf die jeweiligen Situationen vor Ort. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein, denn die Ost-West-Spange verbindet die markige Schlucht der Felsenau und das vorstädtische Tosters, die Nord-Süd-Spange die Einfahrt zur Altstadt und die Grenzstation Tisis. Mitberücksichtigt und eingegliedert werden auch die Betriebsgebäude sowie Rad- und Fußwege. Da tun sich Durch- und Einblicke auf, die Bezug nehmen auf die Landschaft und den Stadtraum. Das gilt – vor allem in der Felsenau, wo der übergeordnete Landesradweg geschickt integriert, ja inszeniert wurde – für die Perspektive aus dem Fahrzeug wie für die der Radfahrer und Fußgänger. Auf der Letze ergänzt das Lüftungsbauwerk die tektonische Symphonie in Form eines skulpturalen Monoliths. Sein Stampfbeton verbindet sich mit dem Naturraum, die geknickten Flächen spielen gekonnt die Höhe herunter, das technische Bauwerk wird zum Fingerzeig menschlicher Kulturleistung. Ähnliches gilt für die Tunnelportale. Was die Ingenieurskunst unter der Erde erfüllt, schwingt sich in ihnen zu architektonischer Höchstform auf. Einmal mehr zeigt sich, dass auch beim Straßenbau nicht an kreativer Energie gespart werden darf, denn die dadurch entstandenen Eingriffe wirken über Generationen, ja über Jahrhunderte und legen unweigerlich Zeugnis unseres Zivilisationsstandes ab.

Marina Hämmerle

Tunnelportal Stadttunnel Feldkirch
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